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Ebony and Ivory

Elektronische Klaviere - Eine Einführung

Workshop Musiker-Magazin - Special 12/1995

Von Martin Sauter

Digitalpianos sind das Ergebnis jahrelanger Bemühungen um das perfekte elektronische Klavier. Die ersten Versuche in diese Richtung wirken heute eher als Kuriositäten - doch sie haben die Pop- und Jazzmusik massgeblich geprägt. Schon deshalb lohnt es sich, etwas über das Fender Rhodes oder über Elektroflügel zu wissen. Doch nicht nur um diese altehrwürdigen Instrumente geht es in diesem Artikel: Der zweite Teil vermittelt Ihnen einige grundlegende Tips, wie Sie aus der Flut der heutigen Digitalpianos das richtige Instrument auswählen.

Nicht aus Ebenholz und Elfenbein sind sie, die Tasten von elektronischen Klavieren, sondern aus profanem Kunststoff, bestenfalls noch aus preiswertem Holz. Solche Instrumente kann Stevie Wonder also in seinem Song «Ebony and Ivory» nicht gemeint haben - auch wenn er ihn möglicherweise auf einem solchen spielt. Dies wäre jedenfalls das schänste Beispiel für das zwiespältige Verhältnis der Pianisten zum elektronischen Klavier: Alle schwärmen zwar von einem «richtigen» Klavier, besser noch von einem Flügel, in Tat und Wahrheit spielen aber viele ein E-Piano oder D-Piano und möchten es auch keinesfalls mehr missen.

Falls Sie nicht zu den musikalischen Fundamentalisten gehören, denen niemals und unter gar keinen Umständen ein strombetriebenes Tasteninstrument unter die Finger kommt, dann möchte ich Sie in diesem Artikel gerne auf zwei Reisen mitnehmen. Die erste führt in die Vergangenheit: Sie gibt Ihnen einen Überblick über die Entwicklung der elektronischen Klaviere bis hin zu den heutigen Digitalpianos. Die zweite ist eine kleine Rundreise durch den Dschungel des heutigen Digitalpiano-Markts - wobei es nicht um technische Details oder einzelne Modelle geht, sondern um einige elementare Regeln, wie man ein geeignetes Instrument findet.

Das Problem

Der Flügel - so schön er auch zu spielen, anzuhören und anzuschauen ist - hat im praktischen Leben fast nur Nachteile. Er ist teuer: Für das gleiche Geld könnten Sie sich ein neues Auto kaufen. Er beansprucht viel Platz: Eineinhalb Meter in der Breite und mindestens ebensoviel in der Länge (ein ausgewachsener Konzertflügel ist gar über zweieinhalb Meter lang) sollten Sie in Ihrer Stube schon entbehren können. Er ist schwer: Zweieinhalb Zentner bringt bereits ein Stutzflügel auf die Waage, ein Konzertflügel gerne das Doppelte. Er ist laut: Was im Konzertsaal durchaus erwünscht ist, wird im Alltag zur Nervenprobe für die Nachbarn. Er ist leise: In einer phonstarken Rockband hat er unverstärkt keine Chance. Er ist empfindlich: Temperatur und Luftfeuchtigkeit dürfen nicht zu hoch und nicht zu niedrig sein, und grössere Schwankungen dieser Werte schlagen ihm auf die Stimmung. Und er bedarf regelmässiger, professioneller Pflege: Der Klavierstimmer ist der liebe, aber kostspielige Gast eines jeden Flügelbesitzers.

Ob Sie nun in einer kleinen Mietwohnung mit bösen Nachbarn wohnen oder in einer Band die Tasten drücken - ein Flügel kommt in beiden Fällen nicht in Frage. Auch ein Klavier kann die genannten Probleme nicht lösen, höchstens mildern. Also muss ein Instrument her, das preiswert, platzsparend, transportfreundlich, strapazierfähig, pflegeleicht und in der Lautstärke beliebig regelbar ist - und trotzdem wie ein Steinway-Konzertflügel klingt.

Fender Rhodes

Gerade letzteres kann man vom wohl berühmtesten elektronischen Klavier ganz und gar nicht behaupten: Das Fender Rhodes (vgl. Bild) besitzt einen absolut eigenständigen Klang, der mit einem Flügel herzlich wenig zu tun hat. Dies vor allem deshalb, weil der Ton nicht durch Saiten, sondern durch kurze Metallstäbchen erzeugt wird. Immerhin erfüllt das Rhodes einige wichtige Anforderungen der Pop- und Jazz-Musiker: Mit abgeschraubten Beinen und aufgesetztem Deckel ist es einigermassen transportabel, selbst unter rauhen Bedingungen muss es nur ausnahmsweise gestimmt werden, und dank eingebauten Tonabnehmern kann (und muss) es direkt an ein Verstärkersystem angeschlossen werden.

So war denn das von Harold Rhodes entwickelte und von Leo Fender vermarktete Instrument bald einmal auf vielen Bühnen dieser Welt zuhause, nachdem es 1965 erstmals in die Läden kam. Immer mehr wurde es nicht einfach als notdürftiger Klavierersatz, sondern als eigenständiges Instrument gespielt; in Popballaden wie auch im Modern Jazz wurde das Rhodes bald einmal unverzichtbar. Oder nehmen Sie einen nahen Verwandten, das Wurlitzer-Piano: Ohne jenes wäre der Sound der Gruppe «Supertramp» niemals das, was er ist bzw. war.

Heute ist Rhodes nur noch ein Markenname des Roland-Konzerns, die elektromechanischen Fender-Pianos gibt es höchstens gebraucht zu kaufen. Ein «Fender Rhodes»-Klang gehört aber nach wie vor zu jedem anständigen Digitalpiano. So ist aus dem ursprünglichen Klavierersatz ein Original geworden, das nun selbst kopiert wird.

Elektroflügel

Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich bei einer zweiten Instrumentengattung ab: dem Elektroflügel (engl. Electric Grand Piano). Verglichen mit einem «richtigen» Flügel ist sein Klang ziemlich drahtig, dünn und spitz; ausserdem fallen die etwas mageren, immer leicht verstimmt wirkenden Bässe auf. Doch auch an diesen etwas unzulänglichen Klang haben sich Pop- und Jazz-Musiker inzwischen so sehr gewöhnt, dass in manchen Digitalpianos entsprechende Presets angeboten werden.

Der spezielle Klang erklärt sich aus dem Konstruktionsprinzip dieses Instruments. So fehlt beim Elektroflügel der Resonanzkörper aus Holz - erst ein Verstärkersystem, das an die eingebauten Tonabnehmer angeschlossen wird, ermöglicht eine vernünftige Lautstärke. Ausserdem sind die tiefen Saiten aus Platzgründen stark verkürzt. Doch immerhin sind es richtige Klaviersaiten, welche durch eine konventionelle Hammermechanik angeschlagen werden, so dass Klang und Spielgefühl eines Elektroflügels vergleichsweise nah an seinem Vorbild sind - mit dem Nachteil, dass solche Instrumente ebenfalls regelmässig gestimmt werden müssen.

Vor allem Yamaha (Modelle CP-70 und CP-80) und Kawai haben sich mit ihren Elektroflügeln einen Namen gemacht. Ihre Blütezeit erlebten diese - nicht besonders billigen - Instrumente in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren, als es noch keine Digitalpianos im heutigen Stil gab. Man sieht sie aber noch immer recht häufig bei Pop-, Rock- und Jazz-Konzerten, da sie für viele Pianisten den idealen Kompromiss zwischen Transportfreundlichkeit und echtem Flügel-Feeling darstellen.

E-Pianos

So verschieden Fender Rhodes und Elektroflügel klingen mögen - in einer Hinsicht sind sie eng miteinander verwandt: In beiden Fällen wird der Klang zwar elektronisch verstärkt, jedoch mechanisch (nämlich durch Anschlagen eines Klangstabs bzw. einer Saite) erzeugt. Man spricht deshalb von elektromechanischen Instrumenten.

Im Gegensatz dazu stehen die vollelektronischen Pianos, die ich hier der Einfachheit halber als E-Pianos bezeichnen will. Eigentlich sind solche E-Pianos nichts anderes als spezielle Preset-Synthesizer, ausgestattet mit einer gewichteten Tastatur und einem entsprechenden Gehäuse. Und weil zur Zeit der ersten E-Pianos die Sampling-Technik noch nicht zur Verfügung stand, behalf man sich eben mit den damals gängigen Klangerzeugungsverfahren.

Das Resultat dürfte zunächst nicht berauschend, aber immerhin zweckmässig gewesen sein. Mangels mechanischer Komponenten waren solche E-Pianos absolut wartungsfrei, transportabel und billig. Und weil nun auch - im ursprünglichen Sinn des Wortes - salonfähige Modelle angeboten wurden, die nicht an Transportkisten, sondern an exklusive Möbelstücke erinnerten, hielten E-Pianos erstmals auch Einzug in die gute Stube. Allerdings klangen sie weder besonders authentisch (wie ein Elektroflügel) noch besonders eigenständig (wie ein Fender Rhodes), sondern eher künstlich, undefinierbar und steril. Hinzu kam, dass diese E-Pianos lange nicht so dynamisch spielbar waren wie ein elektromechanisches Klavier: Zwar konnten die Tastaturen zwischen einem harten und einem weichen Anschlag unterscheiden, doch erlaubte die Tonerzeugung lange keinen so variablen Klang wie ein Flügel.

Einen gewissen Fortschritt brachte hier Yamahas FM-Synthese. Die Frequenzmodulation - bekannt geworden durch den Synthesizer DX-7 - ist diesbezüglich sehr leistungsfähig, sie kann sehr ausgeprägt auf die Anschlagsdynamik reagieren. Ausserdem bringt sie nicht nur recht gute Klavierimitationen zustande, sondern auch wunderschöne Rhodes-ähnliche Klänge. Die PF-Serie von Yamaha, welche mit FM-Synthese arbeitete, war deshalb recht erfolgreich.

D-Pianos

Genaugenommen müsste man Yamahas PF-Pianos bereits zu den Digitalpianos (kurz D-Pianos) zählen, denn die FM-Klangerzeugung arbeitet bekanntlich digital. Der Begriff hat sich allerdings erst eingebürgert, als eine andere, ebenfalls digitale Technik aufkam und von allen Herstellern in ähnlicher Form angewandt wurde: das Sampling.

Ein Sample ist nichts anderes als eine digitale Aufnahme, vom Prinzip her vergleichbar mit einer CD. In einem Instrument mit Sampling-Technik sind allerdings nicht ganze Musikstücke, sondern nur einzelne Töne z.B. eines Flügels gespeichert. Zudem sind diese nicht auf einer CD, sondern in einem Speicherchip (im Fachjargon als ROM bezeichnet) abgelegt. Jedesmal, wenn man eine Taste drückt, wird ganz einfach der entsprechende Ton abgespielt. Es verwundert somit nicht, dass im besten Fall kaum noch Unterschiede zum Original feststellbar sind - schliesslich hört man nichts anderes als eine hochwertige Aufnahme eines echten Klaviertons.

Was bei einem einzelnen Ton perfekt funktioniert, klingt leider nicht ganz so perfekt, sobald man auf einem D-Piano richtig musiziert: Wenn mehrere Töne mit- oder nacheinander gespielt werden, kann das geschulte Gehör unter Umständen erkennen, dass es sich nicht um ein richtiges Klavier, sondern um viele Einzelaufnahmen eines richtigen Klaviers handelt. Trotzdem ist die Klangqualität eines guten D-Pianos im Vergleich zu den früheren E-Pianos exzellent, in gewisser Hinsicht sogar besser als bei einem billigen «richtigen» Klavier. Jedenfalls wurden die D-Pianos bald einmal von einem breiten Publikum als Alternative akzeptiert und bescheren der Musikindustrie inzwischen beachtliche Umsätze.

Das Angebot

Wenn ein verhältnismässig einfach herzustellendes Produkt auf grosse Nachfrage stösst, gibt es schnell eine Vielzahl von Anbietern. Und weil die Sampling-Technik auch in den meisten Synthesizern (und natürlich in allen Samplern) Verwendung findet, ist es nur logisch, dass sich darunter viele Synthesizer- und Sampler-Hersteller finden. Einige von ihnen haben zwar inzwischen die konventionellen Digitalpianos wieder aus dem Sortiment gestrichen. Trotzdem buhlen nach unseren Erhebungen immer noch rund 20 renommierte Hersteller um die Gunst der Pianisten.

Auf der anderen Seite unterscheiden sich die vielen Digitalpianos innerhalb einer Kategorie oft nur in Nuancen - oder zumindest wesentlich weniger klar, als es den Herstellern lieb wäre und uns die Werbung glauben machen will. Dies macht dem Kunden die Wahl nicht einfach. Hinzu kommt, dass ein Digitalpiano oft das erste elektronische Musikinstrument eines Pianisten ist und dieser deshalb mit den vielen Fachausdrücken und technischen Daten wenig anfangen kann.

Wie finden Sie nun ein Digitalpiano, das Ihre Bedürfnisse optimal erfüllt? Bestimmt ist es nicht verkehrt, sich genauestens über die einzelnen Modelle zu informieren und Vergleiche anzustellen. Was aber, wenn Sie nur wenig Interesse an Elektronik haben und zudem ein Digitalpiano nicht als ein Gerät, sondern als ein Instrument sehen? Für diesen Fall möchte ich Ihnen einige Tips geben, wie Sie auch ohne viel technisches Wissen zu einem guten elektronischen Klavier kommen. Diese Tips sind übrigens so grundlegend, dass sie für jeden Digitalpiano-Käufer richtig und wichtig sind.

Mit oder ohne Begleitung

Bevor Sie sich mit einzelnen Modellen auseinandersetzen, sollten Sie sich überlegen, wofür Sie das Digitalpiano eigentlich brauchen. Die erste diesbezügliche Entscheidung ist die, ob Sie nur solo spielen wollen oder ob Ihnen das D-Piano eine automatische Begleitung liefern soll. Da solche Begleitautomaten in der Regel auf leichte Unterhaltungsmusik zugeschnitten sind, erübrigt sich diese Entscheidung für klassische Pianisten, Free-Jazzer und Hardrock-Fans. Und wer aus Prinzip nur «live» gespielte Musik als Musik anerkennt, wird auf die Begleitautomatik sowieso verzichten.

Für die anderen ist es eine grundsätzliche Frage, die letztlich jeder für sich selbst beantworten muss. Eine gute Begleitautomatik, die gut gespielt wird, kann sehr beeindruckend sein, auch wenn jedem Zuhörer klar ist, dass das Ein-Mann-Orchester nur dank Computertechnik möglich ist. Wenn Sie allerdings unentschlossen sind, dann sollten Sie sich von einer entsprechenden Darbietung eines versierten Verkäufers nicht allzu sehr beeindrucken lassen. Denn es kommt nicht selten vor, dass die teure Begleitautomatik eines Digitalpianos dann doch brach liegt, weil man sie selbst lange nicht so gut beherrscht oder weil sie mit der Zeit ganz einfach langweilt.

Aber wie auch immer Sie sich entscheiden: Danach ist bereits rund die Hälfte aller Kandidaten aus dem Rennen und die Auswahl schon viel einfacher.

Heim oder Bühne

Die zweite Entscheidung betrifft den Ort, an dem Ihr Digitalpiano stehen soll. Wenn Sie es häufig transportieren müssen, sollte es möglichst klein und leicht sein. Zwar kann eine gewichtete Klaviatur mit 88 Tasten niemals wirklich transportfreundlich sein, aber es gibt trotzdem Digitalpianos, die sich besser umhertragen lassen als andere. Man spricht in diesem Fall von Bühnenpianos (engl. Stage Pianos) und meint damit jene Modelle, die keinen fest montierten Ständer mit integrierten Lautsprechern und Pedalen besitzen. Auf der Bühne (oder wo immer man das Instrument sonst spielt) wird es dann auf einen Klappständer gestellt, an eine Verstärkeranlage angeschlossen und mit ansteckbaren Pedalen ausgestattet.

Die sogenannten Heimpianos (engl. Home Piano) dagegen sind so gebaut, dass sie auch in der guten Stube eine ebensolche Figur machen. Sie sollen nicht nur das Ohr, sondern auch das Auge erfreuen und ein ähnlich repräsentatives Möbelstück abgeben, wie es traditionelle Klaviere sind. Metallrohrständer, Kabelsalat, strapazierfähige Gehäuse und frei plazierte Lautsprecher sind dazu definitiv nicht geeignet. Gefragt ist vielmehr ein formschönes Gehäuse, worin alle notwendigen Komponenten (Ständer, Verstärkersystem, Pedale) integriert sind. Und um die Illusion möglichst perfekt zu machen, ist die Gehäuseoberfläche meist lackiert oder mit einem Holzfurnier(imitat) überzogen. Das alles macht die Heimpianos dafür vergleichsweise unhandlich und empfindlich.

Natürlich ist es möglich, ein Bühnenpiano zuhause einzusetzen oder ein Heimpiano auf Tournee mitzunehmen. Wenn Sie allerdings Ihr Instrument mehrheitlich für den einen oder den anderen Zweck einsetzen wollen, macht es schon Sinn, ein Instrument der entsprechenden Gattung zu wählen. Als angenehmer Nebeneffekt verringert sich dadurch die Zahl der in Frage kommenden Modelle nochmals deutlich.

Der Preis

Das dritte grundlegende Kriterium beim Kauf eines Digitalpianos ist normalerweise der Preis. Zwar sind solche Instrumente insgesamt billiger als traditionelle Klaviere - die eingesparten Kosten für den Klavierstimmer und das Transportunternehmen noch gar nicht mitgerechnet. Trotzdem kosten die Topmodelle manchen Tausendern und damit vielleicht mehr, als Sie ausgeben wollen. Dies bedeutet aber nicht zwingend, dass Sie in der mittleren Preisklasse nur ein mittelmässiges Digitalpiano erhalten - sondern vielleicht einfach eines mit weniger Extras. Es kann sehr wohl sein, dass der Flügelklang und die Tastaturmechanik vom Topmodell übernommen und nur bei der übrigen Ausstattung Abstriche gemacht wurden.

Schon um dies abzuklären, sollten Sie sich auch solche Instrumente ansehen, die eigentlich ausserhalb Ihres Budgets liegen. Ausserdem können Sie dabei herausfinden, was ein Digitalpiano bestenfalls leisten kann - und wo Einschränkungen gegenüber einem Konzertflügel bestehen. Dies hilft Ihnen, realistische Ansprüche zu stellen und ein billigeres Modell fair beurteilen zu können.

Das Probespielen

Wenn Sie einmal die eben besprochenen Grundsatzentscheide getroffen haben, dann ist es an der Zeit, mit den «Experimenten am lebenden Objekt» zu beginnen. Sie werden Ihr Trauminstrument kaum finden, indem Sie nur Prospekte und Testberichte wälzen: Probespielen geht über studieren! Suchen Sie also ein gut sortiertes Musikfachgeschäft auf, wo man Sie in aller Ruhe auf den verschiedenen Modellen spielen lässt.

Wie aber probiert man ein Digitalpiano aus? Ganz einfach: genau so, wie man auch ein «normales» Klavier ausprobieren würde. Man spielte einige - möglichst unterschiedliche - Stücke aus seinem Repertoire und versucht sich darüber klar zu werden, ob einem der Klang und das Spielgefühl zusagen. Dann wechselt man zum nächsten Kandidaten, spielt wieder dieselben Stücke und versucht dabei herauszufinden, ob das Instrument besser oder schlechter ist als das vorherige.

Sowas braucht selbstverständlich Zeit. Lassen Sie sich also nicht zu einem vorschnellen Kauf drängen, sondern greifen Sie erst dann zum Portemonnaie, wenn Sie (und möglichst noch eine zweite Person) Ihren persönlichen Favoriten zweifelsfrei gefunden haben. Erfahrungsgemäss lohnt es sich selbst dann, den Entscheid nochmals zu überschlafen: Ein D-Piano, das im erstem Moment gefällt, kann eine Woche später steril und aufdringlich klingen, ein anderes offenbart seine Qualitäten erst mit der Zeit.

Der Klang

Auch wenn der Klang bei allen Digitalpianos durch Samples erzeugt wird, so sind doch die Samples selbst von Hersteller zu Hersteller verschieden. Zudem wenden einzelne Firmen gewisse technische Tricks an, und auch das Lautsprechersystem trägt seinen Teil zur Klangqualität bei. Aus all diesen Gründen gibt es sehr wohl klangliche Unterschiede zwischen den einzelnen Digitalpianos. Allerdings lassen sich diese nicht aufgrund von Prospekten und den darin verwendeten (oft firmenspezifischen) Fachbegriffen beurteilen: Verlassen Sie sich vielmehr auf Ihr Gehör. Ja ich würde sogar vorschlagen, dass Sie die Instrumente einmal probespielen, ohne irgend etwas über sie zu wissen. So sind Sie absolut unvoreingenommen und urteilen nur nach dem, was Sie tatsächlich hören.

Digitalpianos haben bekanntlich mehr als nur einen Klang, und Sie wollen sicher einmal alle durchhören. Für den Kaufentscheid sollten Sie allerdings nur diejenigen berücksichtigen, die Sie regelmässig brauchen - denn was nützt Ihnen ein Modell mit dem besten Cembalo-Klang, wenn Sie nie klassische Musik spielen? Konzentrieren Sie sich also auf das Wesentliche, in der Regel also den Flügelklang.

Haben Sie einmal eine Vorauswahl getroffen, so können Sie die einzelnen Kandidaten mit den folgenden Tests noch etwas genauer prüfen. Spielen Sie zunächst ein Tonleiter über den gesamten Tastaturbereich hinweg. Dabei dürfen - bei gleichbleibender Anschlagsstärke - keine wesentlichen Klangunterschiede zwischen nebeneinanderliegenden Tönen hörbar sein. Ausserdem sollten Sie prüfen, wie der Klang auf die Anschlagsstärke reagiert: Bei einem «richtigen» Klavier ist ein weich angeschlagener Ton nicht nur leiser, sondern auch samtiger und zarter als ein hart angeschlagener Ton, welcher wesentlich brillanter und kräftiger klingt. Prüfen Sie, ob ein D-Piano einen ausreichenden Dynamikumfang besitzt. Prüfen Sie ausserdem, ob sich der Klang bei zunehmender Anschlagsstärke kontinuierlich verändert und nicht einfach zwischen einigen wenigen Dynamikstufen umschaltet.

Die Tastatur

Ähnlich wie bei der Klangerzeugung schmücken viele Hersteller ihre Tastenmechaniken mit werbewirksamen, oft ziemlich unverständlichen Namen. Auch wenn es interessant sein mag, mit welchen Methoden die Hersteller möglichst nah an das Spielgefühl einer Hammermechanik heranzukommen versuchen - für einen Kaufentscheid braucht man dies eigentlich nicht zu wissen. Für eine Tastatur gibt es nur ein einziges Qualitätskriterium: Ihr Gefühl.

Es kommt zwar vor, dass man eine Tastatur spontan als phantastisch oder als unbrauchbar empfindet. Oft liegt ein Instrument aber irgendwo zwischen diesen beiden Extremen, und man braucht viel Zeit, um zu einem Urteil zu kommen. Auch hier ist es empfehlenswert, möglichst unterschiedliche Teststücke zu verwenden - langsame und schnelle, sehr laute und sehr leise. Achten Sie darauf, ob Sie sich beim Spielen wohl fühlen, ob die Tasten nicht zu leicht- oder zu schwergängig sind, ob sie bei Trillern genügend schnell repetieren, ob Sie nicht ermüden oder sich andauernd verspielen und ob nicht die Fingerkuppen zu schmerzen beginnen, weil die Tasten am unteren Anschlag zu wenig sanft abgefedert sind.

Falls Sie allerdings zum Schluss kommen sollten, dass ein Kandidat die Anschlagsdynamik nicht befriedigend umsetzt, sollten Sie ihn nicht gleich aussondern: Bei vielen D-Pianos kann die sogenannte Dynamikkurve durch den Anwender verändert werden. Dies bedeutet nicht etwa, dass Sie zum Schraubenzieher greifen müssen. Vielmehr müssen Sie auf die Suche nach dem entsprechenden Parameter gehen, dank dem Sie rein elektronisch festlegen können, wie das Verhältnis zwischen der effektiven Anschlagsstärke und dem an die Tonerzeugung weitergeleiteten Steuerbefehl ist.

Fazit

Die Entscheidung, ob Sie ein Fender Rhodes, einen Elektroflügel, ein E- oder eben ein D-Piano kaufen sollen, dürfte sich für Sie kaum noch stellen: Heute werden nämlich nur noch Digitalpianos hergestellt, und in den allermeisten Fällen dürfte dies auch die beste Lösung sein, wenn Sie eine Alternative zu einem «normalen» Klavier suchen.

Die Wahl des richtigen Modells ist auch dann noch schwierig genug: Das Angebot ist gross, die Unterschiede dagegen sind teilweise minim, und die Modelle wechseln fast so schnell wie bei Stereoanlagen und Fernsehern. Wenn man aber vor allem Wert auf einen guten Klavierklang sowie eine gute Tastatur legt und weniger auf eine raffinierte Zusatzausstattung, dann ist die Wahl trotzdem nicht schwieriger als bei einem akustischen Klavier. Genau wie dort können Sie nämlich die Entscheidung Ihrem Ohr und Ihren Fingern überlassen. Ein Digitalpiano muss in erster Linie gut klingen und angenehm spielbar sein. Was dies aber konkret heisst, kann - und muss - jeder Pianist und jede Pianistin selbst entscheiden.

Sind Sie einmal bei einigen wenigen Kandidaten angelangt, dann lohnt es sich allerdings, Prospekte, Handbücher und Testberichte etwas genauer zu studieren. Gerade wer bisher noch nie mit elektronischen Musikinstrumenten zu tun gehabt hat, mag ob der vielen Fachausdrücke erschrecken und vielleicht auch den Nutzen des ganzen technischen Schnickschnacks nicht ganz einsehen. Für beide Fälle finden Sie in diesem Special ein Fülle von Informationen, die Ihnen die Entscheidung erleichtern sollen.